Erzählungen der betroffenen Art
Mehrere Erzählungen aus subjektiver Sicht für Betroffene und Nichtbetroffene.
Erzählungen der betroffenen ART
Die Stimme gegen Parkinson
Von Josef Bardelmann
"Wie bitte", frage ich höflich nach. "Wie bitte, ich habe gerade nicht aufgepasst" höre ich mich sagen. Ich bin zu Besuch bei einem älteren Ehepaar. Der Mann Herbert ist seit vielen Jahren an Morbus Parkinson erkrankt. Er sitzt in einem alten dunkelgrünen Sessel im Wohnzimmer im ersten Stock eines Zweifamilienhauses in einer kleinen Stadt irgendwo im Bundesland Hessen. Seine Frau Hannelore hat mich eingeladen auf einen kurzen Besuch zu ihnen nach Hause. Eingeladen, um sich bzw. ihre Gruppe, die sie betreut, vorzustellen. Sie betreut erkrankte Betroffene und ihre Angehörigen in einer Selbsthilfegruppe. Ich habe Ihre Einladung angenommen, etwas zögerlich und ängstlich, aber dann doch ganz gerne.
Die Einladung ist das Ergebnis eines halben Jahres der Abwägung von Pro und Contra, mit der Selbsthilfegruppe in Kontakt zu treten. Nun stehe ich hier in dem Wohnzimmer und stelle mich vor: Ich habe Morbus Parkinson und würde gerne in ihre Selbsthilfegruppe kommen. Ich weiß von meiner Erkrankung schon seit zwei Jahren, aber ich habe mich vorher nicht getraut.
Die nächste halbe Stunde spreche ich mit Hannelore über die Selbsthilfegruppe, über deren Themen und Termine. Herbert sitzt währenddessen sehr ruhig, ein wenig in sich versunken, die ganze Zeit in seinem Sessel. Er wirkt ein wenig teilnahmslos und ist, laut Auskunft seiner Frau, heute nicht ganz auf Vordermann. Der Parkinson halt. Ich schaue nach Herbert herüber und bin über das Bild das er abgibt, ein wenig irritiert.
Noch ein wenig im Gedanken spricht mich Herbert an, Er sagt zwei - drei Sätze, aber ich habe ihn nicht verstanden.. zu undeutlich, zu leise, zu gebrochen klingt die Stimme. Entschuldige bitte ich habe sie nicht verstanden, ich habe… - „Nicht aufgepasst“ sage ich, obwohl ich eigentlich sagen müsste „rede bitte deutlicher..“. Doch das traue ich mich nicht zu sagen. Wie still, wie leise wie monoton klingt seine Stimme, ausdruckslos, kraftlos, leer. Gebrochen von einer Krankheit, meiner Krankheit und ich beuge mich zu Herbert herunter. Herunter in Erwartung ihn wieder nicht zu verstehen.
Und dann kommen die Worte, die ich auch jetzt noch, viele Jahre später, nie vergessen werde. Worte, die ich für immer mit Herbert in Verbindung bringen werde. Mehr noch: Mensch und Stimme sind wie EINS, wie verschmolzen.
"Hast Du auch Parkinson?" frag er mich und schaut mich an. Und bevor ich antworten kann, spricht er nun mit einer an Klarheit, Warmherzigkeit und Empathie gefüllten Stimme weiter, wie ich sie seitdem fast nie wieder gehört habe.
"Ich habe auch Parkinson, schon länger als du. Es ist nicht leicht aber das wird schon, du bist nicht allein und du schaffst das auch!"
IN ERINNERUNG an HERBERT
DANKE!
Im Strudel der Gedanken
von Josef Bardelmann
Eigentlich war gestern ein schöner Abend. Ein Treffen der ehemaligen Mitarbeiter der Bibliothek. Viele alte Gesichter, viele Geschichten und alte Erinnerungen; Interesse an meiner Person und Achtung, Respekt? Dafür, dass ich mein Leben mit Morbus Parkinson gestalte und mich nicht unterkriegen lasse.
Und jetzt – 18 Stunden später. Ich sitze im Wohnzimmer höre seit 15 Minuten sehr laute Musik auf meinem mp3-player und bin zerknirscht.
Es rasen nur so die Gedanken durch meinen Kopf:
Was muss ich noch alles erledigen, was müssen wir alles noch am Haus renovieren, können wie uns ein zweites Auto leisten – sollte ich nicht lieber Fahrrad fahren, muss ich nicht noch was für meine Arbeit im Büro erledigen oder in der Selbsthilfe jemanden besuchen, meinen Bruder will ich noch anrufen und so geht es weiter und weiter und weiter.
Heute ist wieder so ein Augenblick. Mein Kopf scheint zu platzen: immer wieder neue Gedanken, neue Ideen, neue Arbeit und neue Zweifel – sogar schon Verzweiflung.
Ach was würde ich dafür geben mehr Energie zu haben. Und dann könnte ich noch mehr schaffen, noch mehr meine Ideen verwirklichen und noch mehr gestalten, umsetzen, Erfolg haben und zufrieden sein…..
Ist das wirklich so? … mehr Energie, mehr leisten und dann zufrieden sein…..ich hasse es, wenn mein Kopf mehr weiß als ich.. wie bitte … ja mein Kopf weiß wieder mehr und mein Herz kommt nicht mit.
Hört sich an, als ob zwei Seelen in meiner Brust wären – es ist dieses doofe Morbus Parkinson… ja, ja, ja klingt es in meinem Kopf. Ohne Parkinson wäre alles besser. Mehr Energie, weniger Zweifel, weniger Tabletten, besser drauf sein und ein schöneres Leben… ja, ja
…………. …… NEEEEEIIIIIIIIIIIIIIINNNNN!!!
Wie nein???? – NEIN, das ist nicht wahr, klingt es in mir – Ich hasse das… NEIN klingt es in mir … so einfach ist das nicht. Ohne Parkinson würde es mir besser gehen….. vielleicht in bestimmten Situationen – zweifelsohne! Aber könnte ich sagen, mein Leben wäre leichter, ich wäre zufriedener? Leichter wäre es schon….. aber wäre ich zufrieden? – Zufrieden Josef?....... ZUFRIEDEN????? – Was brauchst du denn um ZUFRIEDEN zu sein“
Energie - um mehr arbeiten zu können,
Erfolg - um Stolz zu sein,
Geld - um mir mehr kaufen zu können,
Zeit - um mehr Ideen umzusetzen,
Zeit - für noch mehr Arbeit???
So und jetzt bin ich wieder im Strudel der Gedanken angekommen. Was brauch ich denn um ZUFRIEDEN zu sein.. ahhh was ist das für ´ne schwierige Frage.
Was ist mir denn eigentlich wichtig oder was macht mir den Spaß??
Arbeiten - zum Teil,
Geld - ist wichtig, aber
WAS IST DENN EIGENTLICH WICHTIG???
WICHTIG??
Meine Familie - meine Frau - meine Kinder und meine Freunde!
Das Gefühl geliebt zu werden, Ruhe und mehr Zeit zu haben.
Zeit für meine Familie und meine Freunde – Zeit für mich und das, was mir Spaß macht…Spaß macht mir: das fotografieren, das zu Ruhe kommen – einfach mal nicht denken zu müssen und entspannen – genießen, was für mich und meinen Körper tun.
Spaß empfinde ich auch beim Schreiben – wieso eigentlich??
Das Schreiben hilft mir meine Gedanken zu sortieren – erst mal alles aus dem Kopf raus lassen und direkt in die Tastatur geben... Tippen was das Zeug hält und das mit meinem Zwei-Finger-Suchsystem Irgendwie meinen Kopf leeren – und so die Gedanken konzentrieren, reduzieren auf die Tastatur, auf das was ich schreibe und darauf, das ich nicht so viele Fehler tippe .
Und die mach ich so viele - PARKINSON lässt grüßen.
Doch das ist jetzt nicht wichtig – wichtig ist, dass das Schreiben meinen Kopf leerer werden lässt. Das hilft und das tut gut – Schreiben als Therapie! Warum nicht! So komme ich zur Ruhe und kann mich auf die Frage konzentrieren:
Was macht dich denn ZUFRIEDEN?
Und die Antwort lautet:
WENIGER IST MEHR!!!
Weniger ist mehr? Selbst wenn ich keinen Parkinson hätte – ich würde so viele Ideen produzieren, so viel Kreativität haben und könnte schuften, schuften und schuften und schuften und…….
Vielleicht hätte ich mehr Energie, vielleicht hätte ich mehr Erfolg, vielleicht hätte ich mehr Geld, aber welchen Preis müsste ich dafür zahlen.? Würde ich dann noch solche Fragen stellen, würde ich dann noch so viel darüber schreiben…
NEIN! Aber ist es nicht gerade sinnvoll und richtig, sich solche Fragen zu stellen? Und so dreht es sich wieder und wieder und wieder und die Gedanken fließen – aber sie Drehen sich nicht mehr – eigentlich entsteht eine Strömung – aus dem Strudel wird eine Strömung, wird ein Fluss. Und die Richtung wird deutlich – jaa die Richtung ist doch eigentlich klar: Nicht so viel, nicht so viel und weniger ist mehr.
Konzentriere dich auf weniger, lass dich doch nicht so leicht verführen vom
Höher – Schneller - Weiter… konzentriere dich auf das, was wichtig ist….
Auf das Gefühl geliebt zu werden, das Gefühl gebraucht zu werden, das Gefühl, dass dich die Menschen - die du liebst - dich auch lieben, und zwar so wie du bist..
Menschen, denen deine Krankheit nicht wichtig ist, weil sie DICH lieben und weil DU ein feiner Kerl bist. Konzentriere dich auf die schönen Dinge und auf die Augenblicke diese zu genießen.
Suche deine INNERE RUHE, weniger ist mehr und beweisen musst du nur dir ^selber etwas. Genieße DEIN LEBEN – gerade jetzt, gerade jetzt und gerade mit Morbus Parkinson – das Leben ist so schön und….. auf einmal steht mein Sohn neben mir und lehnt den Kopf an meine Schulter. Einfach so, einfach nur so, einfach weil er mich liebt – einfach SO…..
Das sind die Augenblicke! Die, die wichtig sind und ich umarme meinen Sohn einfach SO……..
EINE WANDERUNG IN MIR...
VON JOSEF BARDELMANN
„Hey!“ , hallt es laut in meinem Ohr. „Hey du!“ - Es ist halbeins nachts, ich liege in meinem Bett und schon wieder höre ich eine Stimme: “Hey – steh auf du Fauler Sack!“ „Wie Bitte?“ antwortet ein schäbiger, zerknitterter Beutel. Der sich als Fauler Sack vorstellt. „Was ist los? Was willst du von mir?“ ruft der Faule Sack in die Dunkelheit und trottet gelangweilt weiter. „Bleib gefälligst stehen, wenn ich es sage. Ich will endlich mit dir reden!“ ruft eine kleine, schlanke Gestalt und tritt aus dem Schatten eines Baumes hervor.
„Du willst mir was saaagen..“ spottet der Faule Sack und geht einfach weiter… „Wer bist du überhaupt und was hast du MIR schon zu sagen?“
„Ich – Ich bin JOSEF und ICH habe dir sehr wohl was zu sagen und DU hörst mir jetzt gefälligst zu.“ „Na – Na, ist ja schon gut“ entgegnet der Faule Sack leicht beeindruckt von Josefs Worten. „Dann bin ich mal gespannt was du mir sagen willst“.
Ich merke wie Josef unruhig wird und mit den Füssen wackelt. Leise spricht Josef zu sich selbst: „So JOSEF jetzt kommt es auf dich an, sag WAS ZU SAGEN IST.“
„Fauler Sack ich bin es leid, dass du mir immer alles kaputt machst!“ fängt Josef an zu reden. „Ich….. ich mach dir was kaputt – was denn?, wie denn?, wann denn?“ entgegnet der Faule Sack.
„Du weißt genau, dass wir abends rechtzeitig zu Bett gehen müssen. Wenn wir nicht vor Mitternacht ins Bett gehen, dann bleiben wir bis drei-vier Uhr morgens wach, schauen uns nur Blödsinn im Fernseher an und essen Süßigkeiten oder Chips“ sagt Josef.
„Na und?“ antwortet der Faule Sack, „was gibt es denn Schöneres?“ „Nix na und… wir schlafen dann zu wenig, der Magen mag so viel Schokolade auch nicht und am nächsten Morgen kommen wir nicht rechtzeitig aus dem Bett. Nach zwei, drei solchen Nächten fangen die Muskeln im Rücken an zu krampfen und die Tabletten wirken nicht mehr so gut und dann wird es schlimmer und schlimmer“ endet Josef und seine Stimme klingt in diesem Augenblick brüchig und alt.
„ Aber ich kann soo schön faauuul sein“ sagt der Faule Sack. „und die Verspannungen?? Machen dir Spaß oder was? Die Kinder sehen dich dann auf dem Sofa sitzen – total angespannt, starr vor Parkinson…. Willst Du dass, Fauler Sack? ICH nicht!“ ruft Josef ganz laut. „Ich will nicht wie ein Häufchen Elend aussehen – ich will für meine Kinder da sein und ihnen morgens helfen. Sie sollen ein gutes Frühstück haben…“
„Aber warum sagst du das MIR“ unterbricht der Faule Sack, Josef. „Sag das doch lieber meinem Freund Inkonsequenz.“ Und plötzlich kommt von links eine große, sehr große, sehr schlanke Person auf das Paar zu.
„Ihr habt mich zwar nicht gerufen, aber da bin ich, wie nicht bestellt…“ sagt Inkonsequenz. „Sagt was zu tun ist und ich lass es liegen…. Sagt was ihr wünscht, ich mach was anderes...“ Inkonsequenz grinst breit über das ganze Gesicht und kommt sich toll, wichtig und intelligent vor.
Josef redet indes weiter: „Wenn die Kinder aus dem Haus sind, spielst du an unserem Handy…“ „Darf ich das nicht?“ fragt der Faule Sack erstaunt. „Doch schon, aber doch nicht zwei-drei-vier Stunden… dann ist es fast Mittags.“
„Morgens, Mittags oder Abends – das ist doch ganz egal – was schert uns Zeit was schert uns Raum – wir machen was wir wollen“ trällert die Inkonsequenz albern..
„ Ja, eben nicht“, ruft Josef energisch. „Denn statt albern nichts zu tun, können wir uns darauf verlassen, das dann unsere Hände lahm sind, das dann die Schultern schmerzen, das dann der Rücken weh tut. Und ihr wisst wovon ich spreche“ sagt Josef nachdrücklich und blickt die beiden anderen an. „OODERR soll ich nach KARL SCHMERZ rufen? … Karl … KarlSchmeeerrrr.“
„Nein, NEIN!“ rufen der Faule Sack und die Inkonsequenz wie mit einer Stimme… „bloß nicht den alten Schmerz rufen…. Nein, der mufft immer so .. so nach…nach Krankenhaus! Igitt“ schießt es aus den beiden heraus.
Ganz ohne Schatten
Von Josef Bardelmann
Das passt ja, denke ich mir und schaue auf einen regenverhangenen, trüben Vorplatz. Das passt ja, dass die Teichanlage trocken ist.
…Jetzt sind schon über drei Wochen vergangen, seit ich meine stationäre Rehabilitationsmaßnahme angetreten habe. Es waren schwierige drei Wochen, es waren anstrengende drei Wochen und so richtig zufrieden bin ich nicht.
Eigentlich wollte ich, dass alles besser wird. Es liegen schwere Wochen hinter mir, in denen sich meine Erkrankung deutlich verschlechtert hat. Wochen, in denen sich meine alltäglichen Kompetenzen deutlich verschlechtert haben und ich die Präsenz meiner Erkrankung immer stärker spüre. Eigentlich wollte ich, dass meine Gesundheit sich verbessert. Nein, so möchte ich es nicht formulieren: Genau genommen wünschte ich mir, dass sich die Symptome meiner Erkrankung verringern, ich diese besser in den Griff bekomme und sich meine Lebensqualität verbessert. Das ich glücklicher bin.
In den Griff bekommen habe ich tatsächlich auch einige Krankheitssymptome. Insofern, dass meine Medikamente nun besser wirken.
TJA, jetzt habe ich also ein neues Medikament hinzubekommen, die Dosis geändert und die Einnahmezeiten verändert.
TJA, jetzt nehme ich also sechs MEDIKAMENTE in Form von elf Tabletten zu sechs verschiedenen Einnahmezeiten pro Tag zu mir.
UND was hat sich letztendlich verändert? ….. eine kleine Verbesserung bei der Behandlung einiger Parkinsonsymptome, das will ich nicht leugnen. Aber so richtig zufrieden bin ich nicht.
Zu oft merke ich die Anwesendheit meiner Krankheit Morbus Parkinson: Sei es, das die Zehen krampfen oder der Rigor meinen linken Arm zum Zittern bringt. Für Außenstehende kaum zu sehen. Für mich aber deutlich zu spüren.
Immer wieder merke ich, das Tief in meinem Körper eine innere Anspannung herrscht, die nicht von mir gesteuert ist und die mich belastet. Eine Anspannung, der ich zu entkommen versuche.
So erlerne bzw. erlebe ich verschiedene Entspannungsübungen anzuwenden. Ich sitze also in einer Gruppe in einem Stuhlkreis, höre leise meditative Musik und die Stimme einer Therapeutin, die mir sagt, dass ich den Muskel (genau genommen nur den Oberschenkelmuskel) im linken Bein anspannen und anschließend entspannen soll… und anspannen und entspannen … und anspannen und entspannen. Ein wenig hilft es ja, denke ich und überlege, warum das so ist und wie ich die Übung bei mir zu Hause anwenden kann und was ich noch sonst an Entspannung tun kann. 10 Minuten später ist die Gruppenstunde vorbei. Das war nicht schlecht denke ich in mich hinein und doch so richtig entspannt bin ich immer noch nicht… dieser scheiss Parkinson muss der den immer bei mir sein?
Mittlerweile ist es 14.25 Uhr und die nächste Therapiestunde steht an. Eine ganz besondere Stunde. Wieso? Wegen der Therapeutin. In der letzten Sitzung hat Sie mir gesagt, dass ich zu viel denke. Zu viel Denke! Wie kann man den zu viel denken, denke ich und fühle mich herausgefordert - intellektuell herausgefordert. So stehe ich jetzt in der Therapiestunde da und folge den Aussagen der Therapeutin und folge den Übungen die wir zusammen durchführen. Bewegung und Atem, Stimme und Atem und immer wieder Atem. Ich war mir bis zu dieser Reha nicht bewusst, das man falsch Atmen kann. Falsch atmen, wie kann man falsch atmen denke ich immer wieder. UND SCHON WIEDER werde ich darauf hingewiesen, dass ich zu viel denke und ich meinen Atem nicht loslasse. Wie kann SIE das nur wissen, denke ich und prompt kommt der Hinweis…ich Denke zuviel.
„Entspanne, höre auf deinen Atem und lass los“. Dass sind die Worte, die weiterhin in meinem Kopf schwingen, Stunden nachdem die Therapiesitzung vorbei ist. „Spüre die Pause zwischen dem Einatmen und dem Ausatmen und lass ihn fließen den Atem. Alles was du brauchst steckt in dir selbst…“ das war der letzte Satz meiner Therapeutin.
Die Stunden vergehen, es ist Mittwoch morgen so gegen 6.35 Uhr. Ich liege im BETT meines Zimmers mit der Nummer 29 auf der Rehastation für Parkinsonerkranke und da ist er wieder der Satz:
„Alles was du wissen musst steckt in dir selbst. Höre auf dich, höre auf deine innere Stimme, höre auf deinen Atem.“ Und der Atem kam und er ging, ganz von alleine, ganz ohne Widerstand. Mein Atem war da und er kam und er ging und er kam und er ging. Dazwischen war die Pause. Zwischen dem Kommen und dem Gehen… und die Pause, sie war leer und das war gut so. Sie war leer – leer ohne Gedanken voller Sorgen, ohne Gedanken voller Aufgaben, ohne Last und Schwere. Sie war leer und das war gut.
Ich lag in diesem Bett in diesem unmöglichen Bett, dessen Matratze ich so hasste und alles war gut, nichts zwickte, nichts tat weh…
Der Moment war da…. alles war gut und richtig.
Der Atem kam,
der Atem ging und ich fühle mich gut. Gut in der Pause, gut in dem Nichts ohne Sorgen, ohne Schmerzen, ohne Parkinson… in diesem Moment.
Als der Moment verstrichen war und ich meinen Atem durch meine Hand auf meinem Bauch wieder spürte, war ich etwas irritiert. Etwas war anders als in den letzten Tagen. Ich stand auf aus diesem Bett und es war anders…auf einmal kam ich ziemlich mühelos aus dem Bett, ging in das Bad und stand aufrecht im Bad, nicht gebeugt vom Parkinson, nicht verkrampft vom Parkinson und blickte in den Spiegel in ein Gesicht.
Mein Gesicht und es war entspannt…. ganz ohne Schatten, ganz ohne Parkinson.
An meine Therapeutin…
DANKE für den Blick auf die PAUSE.
DANKE für die Wegbeschreibung zu meinem INNEREN LICHT!
Nein, ....ich bin verloren!
Von Josef Bardelmann
Wie geht es mir?
Eine Frage, die ich mir lange nicht mehr in ganzer Ehrlichkeit gestellt habe. Meine Antwort lautet kurz zusammengefasst:
„Schlecht - nein eigentlich - schlecht bis sehr bedenklich.“
Irgendetwas stimmt nicht mehr. Es ist etwas passiert... in mir. Ich weiß nicht genau wann, ich weiß nicht genau wie, ich kann es noch nicht richtig greifen. Aber es ist da. Ich muß es aufschreiben, festhalten, ja ich muß es mit den Buchstaben der Tastatur fixieren, aufhalten, wenigstens verlangsamen, bevor es über mich hinweg rollen kann. Ich fühle mich, alt.... alt, alt, alt.
Ich fühle mich leer. Es ist so, als ob ich in den letzten Tagen in einen tiefen Abgrund geschaut habe. Nicht dass mich das besonders überrascht, nicht dass ich Abgründe nicht kennen würde. Ich habe schon so manche Krise in mir erlebt, durchlebt, durchwandert und überstanden .... es gibt genügend Beispiele.
Krisen, die die Krankheit Morbus Parkinson mit sich bringt. Krisen, wie sie auch bei anderen chronischen Erkrankungen und besonders bei denen, die nicht heilbar sind, auftauchen.
Krisen im Berufsleben, wenn die Karriere beendet ist, bevor sie richtig begonnen hat. Wenn der drohende Verlust des Arbeitsplatzes dazu führt, dass sich die Dämonen der Armut, von Verschuldung, von Zwangsräumung aus der Wohnung, des sozialen Abstiegs verselbstständigen.
Krisen in der Beziehung, wenn die Veränderungen durch die Erkrankung dazu führen, sich immer mehr vom Bild des geliebten Partners zu entfernen.
Die tagtäglichen Krisen des Verlustes: der Verlust seinen Körper zu beherrschen, der Verlust der Kontrolle über einzelne Gliedmaßen, der Verlust der Kontrolle einfach nur stehen zu können oder sich überhaupt noch zu bewegen.
Aber diese Krise ist anders. Dieser Abgrund scheint unendlich tief zu sein. Er macht mir Angst!!! Es ist so, als ob der Abgrund nicht nur schwarz ist, sondern mich herunterziehen will. Es ist so, als ob die Schwärze der Dunkelheit wie ein klebriger Schleim an mir haften und mich durch die Haut durchdringen will. Es ist so als ob der Schleim mein Inneres Licht erreichen will. Es ist so, als ob der Schleim so dicht und undurchdringlich ist, dass er droht mein Licht zu ersticken. Und das darf er nicht. Ich habe ANGST!
Ich fühle mich hilflos und ich kann gar nicht so schnell schreiben, wie es notwendig wäre damit die Buchstaben den Schleim aufhalten können. Die Buchstaben der Tastatur, aus denen ich Wörter als Bollwerk gegen den Schleim errichte. Ich könnte schreien doch ich ersticke an meiner Stimmen. Oh wie schrecklich. Wie dunkel ist dieser Abgrund. Wie hoffnungslos schwarz.
Ich taumele in meinen Gedanken... ich habe Angst, daß ich mir etwas antue. Das ich aufgebe, daß ich nicht mehr an mein Inneres Licht glaube, daß ich es schutzlos dem Schwarz überlasse, daß es erlischt. Dieses Innere Licht auf das ich mich immer verlassen konnte, dieses Licht, das so hell, so klar, so kräftig in mir leuchtet. Immer dann, wenn ich es am Nötigsten habe. Immer dann, wenn ich am Abgrund stehe und hineinschaue. Immer dann leuchtet ES und sagt mir, wie schön dieses Leben ist, wie strahlend ein Augenblick (ein Wimpernschlag des Lebens) sein kann und es sich trotzdem lohnt.... und zwar alles, alles, ALLES....
Ich fühle mich hilflos, es ist etwas passiert in den letzten Tagen... Mein Licht hat Flecken bekommen. Meine Krankheit wird immer stärker, sie greift auf allen Ebenen an. Sie raubt mir die Kraft mich bewegen zu können, sie nimmt mir die Macht mich so zu bewegen wie ich will. Selbst kleinste Bewegungen verlangen nach einem Kraftakt aus Willen und Energie. Welch eine Qual ist es mich nachts im Bett zu drehen - einfach nur von der Seite auf den Rücken. Ich kenne schon seit längerem diese Anstrengung, wenn ich mich drehen will. Doch immer häufiger kommt dabei die Panik auf, dass ich nicht mehr genug Kraft und Willen habe, mich bis zum Ende drehen zu können. Wenn ich jetzt nicht sofort mit dem Drehen fertig bin.... dann, ja dann, kann ich nicht mehr. Dann gebe ich auf.
Ach wie schön ist das Gefühl aufzugeben... dann ist es vorbei, dann kann ich mich fallen lassen, dann ist endlich ein Ende da. ...dann kann sich mein Geist von meinem Körper trennen. Dann ist mein Geist frei von seiner Last. Von der Last sich nicht mehr bewegen zu können, von der Last zu schwanken und nicht mehr stehen zu können, von der Last nicht mehr aufrecht zu stehen, zu sitzen, von der Last, dass alles immer langsamer wird und mein Geist langsam vernebelt.
Oh mein Gott ich bin verlassen. Mein Inneres Licht es flackert, es ist fleckig geworden durch diese schreckliche Krankheit. Die Kraft in meinem Gliedern schwindet, die Kraft in meinen Muskeln, sie erlahmt. Mein Wille wankt, so wie mein Körper nach einer schlaflosen Nacht, wenn ich geschüttelt vom Parkinson aus dem Bett hervorkrieche.
Ich bin verlassen.....
und doch ist mein Inneres Licht immer noch da. Es ist fleckig geworden, es strahlt nur noch matt, es flackert, es ist nur noch klitzeklein, aber es ist DA. Es hört einfach nicht auf zu brennen.... der Abgrund so tief, der Abgrund so schwarz, der Abgrund so klebrig und dennoch mein Licht, es will nicht ausgehen. Gleich so, als ob die Energie des Lichtes nicht von mir abhängig sei. Wie kann ich dann untergehen?? Untergehen mit dem Licht, das doch nicht ausgeht, mit meinem Licht, das Trotzdem brennt. GAR NICHT – TROTZ ALLEM!!!
Ich bin nicht verlassen, mein Inneres Licht, es ist bei mir. MEIN LICHT verlässt mich nicht. MEIN LICHT - es brennt...
Es brennt, getragen von der Liebe, der Zuneigung, der Wärme, der Fürsorge meiner Familie, meiner Freunde. All der Menschen, die gerade jetzt an mich denken. Mein Licht - es brennt... und sein Treibstoff sind die unendlich schönen Augenblicke, die ich in meinem Leben erfahren durfte. Augenblicke, so kurz in der Zeit, so unendlich in ihrer Brennkraft...
Augenblicke, Momente des Lebens, die ich nicht suchen kann, die mich finden, wenn ich es nur zulasse... jetzt und in der Zukunft.
Der Abgrund vor mir schließt sich langsam...
„Oh Josef, du bist nicht verlassen. Auch wenn es manchmal so unendlich schwer ist.“